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Claudia Hirtl

Bilder

Im Dialog mit Hirtls Kunst
© Maria-Regina Kecht, 2019

Kurzfassung

Was für eine Art von Dialog kann in der Begegnung mit den „Bilderrätseln“ von Claudia Hirtl entstehen? Welche Art von Denkanstoß oder Reflexion wird von Hirtls Kunst ausgelöst oder was für Sinnesempfindungen—jenseits von kognitiver Wahrnehmung—können dabei inspiriert werden?

Da stehen zweifellos Zeichen vor uns: aus dem Japanischen entlehnte und zum Teil auch stark verfremdete kanji sind in den—mit unterschiedlichen Anlagen von Pigmenten geschaffenen—vielschichtigen Bildtext eingefügt. Das Erkennen des kanji, wenn einem dies gelingt, lässt einen aber nicht viel weiterkommen als das Ablesen des (bisweilen gegebenen) Titels, der lediglich auf das dem japanischen Zeichen unterliegende begriffliche Konzept verweist. So skriptural die Bilder an ihrer Oberfläche sind, so profund schrift- beziehungsweise sprachbezogen sind die Bilder auch in ihrer Wesenshaftigkeit. Der Sinngehalt von Hirtls Bildern kann erst erschlossen werden, wenn man die materiellen Bildbestandteile, den Arbeitsvorgang und Bedeutungsintention ganzheitlich betrachtet.

Es sind philosophische Begriffe, um deren Aufarbeitung oder besser gesagt, um deren Erarbeitung es Hirtl in ihrer Kunst geht. Hirtls Bilder sind künstlerische Annäherungen an Grundkonzepte der menschlichen Befindlichkeit bzw. Aspekte von Seins-Zuständen, wie sie in östlicher Philosophie reflektiert werden: in ihrem Gesamtwerk figurieren immer wieder die Konzepte von Zeit, Ort, Selbst, Sprache und die Gegenüberstellung von Innen und Außen. Hier in dieser Auswahl von Bildern beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Fluss der Zeit, mit dem Lauf der Zeiten (auch mit Endlosigkeit) und der Vorstellung vom Selbst. Hinter diesen Kategorien versteckt sich eine Vielfalt von Vorstellungen, die vom Gedankengut der Phänomenologie, der Hermeneutik genauso wie von der japanischen Kyoto Schule beeinflusst scheinen. Das jeweils verwendete Zeichen, egal wie abgewandelt es vom ursprünglichen kanji auch sein mag, dient als Markierung; die künstlerische Umwandlung der Assoziationsketten, die sich an die ausgewählten Begriffe anknüpfen, zeigt sich aber im Prozess der Darstellung—sei das nun in der hervorragenden Tiefenstruktur jedes Bildes, in der Aneinanderreihung bzw. Gegenüberstellung der einzelnen Tafeln, oder auch in der Auflösung bzw. Fragmentierung des zeichenhaften Referenten über etliche Bildteile hinweg.

Die Dynamik von Hirtls Bildern erfordert eine Bewegung der Beschau: es geht hier nicht um eine Abfolge von Bildern (oder Bildteilen), sondern um Verschiebung, Überlagerung, Verdichtung von Bild- und damit Sinngehalten. Nicht stummes oder starres Betrachten, sondern inneres Mitgehen wird notwendig. Denn hier präsentiert sich kein Resultat, sondern ein Geschehen.
What kind of dialogue can arise when encountering Claudia Hirtl's "visual enigmas"? What kind of thoughts or reflections are evoked by Hirtl's art or what kind of sensations—beyond our cognitive perception—can be awakened?
There are undoubtedly signs in front of us: kanji borrowed from Japanese and partly also heavily alienated kanji are inserted in the multilayered pictorial text created with different compositions of pigments. Recognizing the kanji, if one succeeds in this, does not allow one much more progress than understanding the (sometimes given) title, which refers only to the conceptual concept underlying the Japanese sign. As scriptural as the images are on their surface, so profoundly related to writing or language the images are in their essence. One can comprehend the meaning of Hirtl's pictures only when the material components of the painting, the artist’s working process, and her intentionality are viewed in their entirety.
It is philosophical concepts, the processing of which, or rather, the development of which Hirtl is concerned with in her art. Hirtl's pictures are artistic approaches to fundamental concepts of the human condition or aspects of states of being, as reflected in Eastern philosophy: in her oeuvre, the concepts of time, place, self, language, and the juxtaposition of inside and outside recur regularly. Here in this selection of paintings, the artist deals with the flow of time, the course of time (also with infinity) and the notion of the self. Underlying these categories, we discern ideas likely to be influenced by phenomenology, hermeneutics, and the Japanese Kyoto School. The sign used in each case, no matter how modified it may be from the original kanji, serves as a marker; the artistic transformation of the chains of associations linked to the selected terms, however, reveals itself in the process of representation—be it in the astounding depth structure of each painting, in the sequence or juxtaposition of individual panels, or in the dissolution or fragmentation of the symbolic referent across several parts of the painting.
The dynamics of Hirtl's paintings require a kind of peripatetic contemplation: it is not a matter of a sequence of pictures (or parts of pictures), but a matter of shifting, superimposing, and condensing the contents of a painting and thus its meaning. Neither silent nor rigid observation but inner participation becomes necessary. For here no result is being presented but an event.