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Susanne Thiemann

Colours in Motion

9th September - 15th October 2022
Colours in Motion! Der Titel ist Programm. Die Ausstellung ist farbintenisv, vibrierend, erfrischend, haptisch, betörend, funkig und ein wenig ausladend. So soll es sein – das braucht der Herbst.

Mit Susanne Thiemann stellen wir eine besondere Künstlerin vor. Nach ihrer abgeschlossenen Meisterprüfung als Korbflechterin eröffnete sie vor 35 Jahren ihre eigene Werkstatt, die schon nach wenigen Jahren zum Atelier für ihre ersten Skulpturen und Objekte wurde. Und damals wie heute haben allesamt eins gemeinsam: Sie sind geflochten.

Das Material war und ist nach wie vor Recyclingware. Durch Zufall entdeckte Susanne Thiemann einen großen Bestand von bunten Kunststoffschläuchen, die in den 1960ern und 1970ern für die Produktion von damals hard-edge, modernen Stühlen und Liegen verwendet wurden. Die leichte Formbarkeit und Schmiegsamkeit der Schläuche war ideal für die Flechtarbeit und die Farbigkeit faszinierte sie: warmes Ocker, Himmelblau, Pink, strahlendes Gelb und sattes Kirschrot.

Dieses faszinierende Zusammenspiel von industriellen Materialien und traditionellen Handwerkstechniken ist ein Charakteristikum, das sich bis heute wie ein roter Faden durch das künstlerische Schaffen von Susanne Thiemann zieht.

Ihre frühen Skulpturen sind wiegende, wogende Geschöpfe, die genüsslich in die Höhe wachsen und mit all ihren weichen Kurven ungemein sinnlich wirken.

Und dann kam New York und aus der Sinnlichkeit wurde Funkiness.

Mit einem Stipendium in der Tasche ging’s über den großen Teich, hinein in das Kunstszentrum schlecht hin.

Als Studentin am ISCP und häufiger Gast im Louis Bourgeois Salon erlebte sie neue Horizonte: Die Experimentierfreude war hier gewaltig, Kunst, wohin das Auge sah… Susanne Thiemann erlebte einen Vibe, der nach neuen Richtungen schrie. Kurz: New York setzte Impulse.

Geschlossene Skulpturen waren gestern. Sie mussten sich öffnen. Ihre Skulpturen wurden immer „offener“. Aufgelöst. Überall „fransten“ sie aus. Farbiges Plexiglas, Alltagsgegenstände wie Lampenschirme wurde eingearbeitet oder quietschbunte Expandaseile wurden zu verlängerten Armen. Ihre neuen Skulpturen hangen von der Decke, stülpten sich über Stühle, Tische oder Böcke. Viele ihrer Skulpturen wurden zu tragbaren „Passstücken“, weshalb Chris Dercon Susanne Thiemann den weiblichen Franz West nannte.

Die Arbeiten der „Colours in Motion“-Ausstellung führen diese Linie fort.

Bei all dem blieb sie ihrem Handwerk des Flechtens immer treu. „Persistence“ würde es der New Yorker nennen. Wir nennen es Gradlinigkeit und Konsequenz. Das war nicht immer einfach für Sie, gibt ihr aber heute Recht. Denn „gestern" war die Verschmelzung von Kunst und Kunsthandwerk noch unerhört. „Heute“ ist sie übliche Praxis: Stoffe und Textilen, Sticken und Nähen, Weben und Knüpfen – das alles ist in der zeitgenössischen Kunstlandschaft omnipräsent, als wäre es niemals anders gewesen. Susanne Thiemann war in ihrer Denk- und Arbeitsweise ihrer Zeit voraus und gleichzeitig hat sie etwas vorweggenommen, was nicht aktueller sein könnte: Ihre offenen, in den Raum greifenden Arbeiten stehen thematisch dafür, dass Altes aufgebrochen werden muss, um Neues formen zu können. Das Denken von „Welt" bedarf einer Neuorientierung. Als Individuen müssen wir um-die-Ecke denken, um lebendigere, vitalere Verflechtungen möglich zu machen.